Zauderer

Foto: Bena Keller

Ich bin wohl bis heute am meisten überrascht, dass ich vor Jahren da war in jener fremden Stadt unter einer gleissenden Sonne – wer sonst sollte schon überrascht davon sein? Schliesslich habe ich auch nie jemandem davon erzählt, und betrachte ich jetzt das einzige Foto jenes Aufenthalts – die Pixel sprechen die Sprache älterer Techniken – huscht ein Lächeln über mein Gesicht, ganz geschwind, als ob der Besitz des Bilds genug wäre, und es wird gleichzeitig von einem spöttischen Zweifel gejagt: Zaudere ich nicht immer noch herum in meinem Leben und mache mich gerne über die Zielstrebigen lustig, sobald sie es kaum abwarten können, Erfahrungen zum Besten zu geben und sich damit als weise oder zumindest weltgewandt zu inszenieren? Manchmal würde ich ihnen gerne meinen spöttischen Zweifel nachwerfen und zuschauen, was passiert. Zumindest hätte ich ihn dann los. Jedoch ist er mir langsam ans Herz gewachsen...

Als ich vor Jahren an jener Strassenecke stand, als ich mich entschlossen habe, lediglich ein Foto zu schiessen, umzukehren und nach Hause zu fliegen... ich weiss bis heute nicht genau, was mich damals geritten hat. Und kann es doch mit einem einfachen Satz beschreiben: Ich zauderte. Mir ist oft die Idee lieber als ihre Verwirklichung: wie jetzt, beim Betrachten des Fotos, ein Glas Wein in der einen, eine Zigarre in der anderen Hand – ich werde ein wenig wie diese traumwandlerischen Luftgebilde von Ideen. Meine Gedanken hängen sich an ihren Flug an und ziehen Gefühle hervor, freudige und wehmütige, erinnernde und verlassene, ein Überfluss aus Innerem, das wie ein Aufwind wirkt und die Idee weitertreibt, knapp über dem Boden und doch hart von ihm getrennt, da ich keine Anstalten mache, sie festzuhalten, zu verankern und mir daraus ein Gebäude zu erschaffen, das den Genussaugenblick überdauert. Gibt es denn eine schönere Befriedigung, als dem Vergänglichen in mir selbst nachzuschauen und geflissentlich über alle Schwierigkeiten hinwegzugehen, die das Verwirklichen mit sich bringt? Ah die Zielstrebigen! Sie redeten jetzt wohl von Herausforderung und der Lust, tätig anzupacken, um die Welt zu verändern... Ich zaudere, weil mir der Moment lieber ist und sein Verwehen im süsslichen Geschmack eines Schlucks Weins oder im blauen Dunst, der aus meinem Mund strömt und sich verflüchtigt. Ich bewahre mich davor, eine Idee sich beweisen zu lassen, so dass sie sich nicht in Widersprüche zu verwickeln braucht, ihr lustvolles Glitzern verliert und in die Kalkulierbarkeit künftiger Bewegungen versinkt. Vielleicht ist Zaudern gar nicht das richtige Wort? Ich geniesse einfach die schwebenden Gedanken und schaue auf den Horizont, hinter dem es für mich nichts weiter gibt.

Dennoch dieses Foto auf dem Tisch und ein Zweifel, der durch meine Erinnerungen jagt, sowie der dazugehörende Spott, der in meinem Hals steckt. Als ich damals auf den Auslöser drückte – zwölf, dreizehn Jahre mag das her sein? – stand in meinem Rücken das alte und mit schäbigem Charme geizende Hotel. Ich war bereits drei, vier Tage dort, hatte den Treffpunkt erkundet, hatte mich nur wenige hundert Meter von der Lobby entfernt, um kurz einen Kaffee zu trinken, eine Kleinigkeit zu essen und wieder in mein Zimmer zurückzukehren unter den freundlichen Augen einer korpulenten Empfangsdame. So verbrachte ich die Zeit in einer Art dösender Untätigkeit. Schliesslich war der Tag des Treffzeitpunkts gekommen und ich drückte den Auslöser. Ich musste das Foto nicht erst ansehen, um zu wissen, was ich eingefangen hatte: den dichten Strassenverkehr, wo rechts, links, von vorne und hinten Autos heranbrausten und in der nächsten Strassenflucht verschwanden. Die Motorräder kreuzten ihre Wege in wilder und unbändiger Raserei. Zwischendurch huschten Fussgänger vorüber oder brachten sich vor der Blechlawine schnell in Sicherheit. Ich stand da und roch zwischen den zur Schwere erhitzten Abgasen einen einzelnen Fliederduft und gleich danach den vor sich hin rottenden Müll, der sich schon seit meiner Ankunft in meine Nase gedrängt hatte, selbst bei geschlossenem Zimmerfenster. Ich wusste auch, ohne das Foto anzuschauen, wie sich die gegenüberliegende Häuserfassade hineingepixelt hatte, wie ihre Konturen unter dem Brennpunkt der Sonne an Kraft verloren und sich zäh verflüssigten in einem Spiel um Begrenzung. Und dann natürlich die grüne Oase: Ich hatte sie kurz zuvor in der Linse meiner Kamera platziert, inszeniert wohl eher und ich wusste nach dem ebenso inszenierten Klick des Auslösers, dass sie der Kontrast im Foto bildet. Es war mir klar, dass die wenigen Tische und Stühle und die kleine improvisierte Bar unter dem Blätterdach keinen Einlass ins Bild gefunden hatten. Da ich vor meinem Hotel stand und die Kamera nachlässig in meiner Hand hielt, sah ich sie selber nicht und so wurden sie mir zur schwebenden Idee, der meine Gedanken nachhingen und die meine Gefühle emporlockte. Ich zauderte vor dieser zauberhaften Tränke, liess den Treffzeitpunkt Treffzeitpunkt sein und wechselte unverzüglich in ein Hotel, das nahe am Flughafen lag.

Wie viele Jahre ist das jetzt her? Ich könnte es heute Abend leicht ausfindig machen, indem ich meine Unterlagen durchwühlte. Aber auf diese Zeitbestimmung kommt es jetzt auch nicht mehr an. Das Foto ist mir wieder einmal unter die Hände geraten. Darum trinke ich Wein und rauche eine Zigarre, während es genauso schwer lastet wie damals die Sonne über der Stadt. Ich erinnere mich an einen Film, den ich mit H. zusammen einmal gesehen habe: Die Hauptfigur schiesst jeden Tag ein Foto von der genau gleichen Strassenecke aus und klebt es vorsichtig in ein Album. Mein Foto ist einzigartig und vielleicht fühlt es sich darum so schwer an wie eine dünne Bleiplatte: Wollte ich es jetzt, umgeben von Weingeschmack und Zigarrendunst, aufheben, müsste ich meine Fingernägel einsetzen, um es von der Tischplatte zu lösen. Eine verwirklichte Idee? Vielleicht bin ich kein Zauderer, sondern Gedankenrealist... Was auch immer das heissen mag.

Bleischwer lag einst auch der See vor H. und mir, zumindest male ich mir das jetzt aus. Dieser Abend ist noch viel länger vergangen. Es mögen achtzehn oder neunzehn Jahre sein. Ich glaube, mein Zaudern hat H. stets gefallen. Es hat mir damals ermöglicht, stundenlange Gespräche zu führen und mit den Ideen zu schweben, die wir zusammen nächtelang zugequalmt haben. Er war anders; nicht gerade ein Zielstrebiger, aber tätiger als ich. Vielleicht standen seine Füsse fester auf dem Boden. Jedenfalls landeten wir an einem lauen Sommerabend um Ufer des Sees, der, aufgeheizt vom langen Tag, einen schweren Atem von sich gab. Es war ein Abend des Abschieds und der Veränderung; unsere Lebensumstände diktierten uns das Ende einer kurzen gemeinsamen Zeit. Anstatt profan Kontaktdaten auszutauschen, um in regelässigen Abständen die kommende räumliche Distanz zu überwinden und uns zu treffen, schickte ich eine Idee in die Schwebe: eine Begegnung in genau fünf Jahren irgendwo in einer Stadt weit weg. Ich weiss nicht, warum ich auf die Zahl fünf gekommen bin. Es war überhaupt nicht meine Absicht, ihn erst nach einer solchen Zeitspanne wiederzusehen, aber die Abschiedsstimmung damals am See verführte mich wohl dazu, meine Gedanken weiter in die Zukunft zu spinnen. H. sprang sofort darauf an, machte den Vorschlag einer südlichen Stadt auf einem anderen Kontinent und einem bestimmten Platz. In H.’s Augen loderte Begeisterung auf und ich wusste, dass er dort sein würde, während ich meinen Zweifel mit der spöttischen Bemerkung kaschierte, dass dies eine erhebliche Herausforderung für unser Erinnerungsvermögen sei. Natürlich notierte ich mir Zeit und Ort später auf einem Zettel und verlegte ihn, weil ich auch so stets an den Treffzeitpunkt dachte. Ich weiss nicht, warum ich schliesslich fünf Jahre später hingeflogen bin, so ganz entgegen meiner Gewohnheit. Und ich weiss nicht, warum ich den letzten Schritt nicht gemacht, sondern nur ein Bild mit mir zurückgenommen habe: eine Idee, die ich seit damals ab und zu hervorkrame und vor mir liegen lasse zu einem Glas Wein und einer Zigarre. Dann verpacke ich sie wieder zusammen mit dem Foto in einer kleinen Kiste, zaudere durch meinen Alltag hindurch und bin überrascht, dass mir offenbar Reue fremd ist.

So ist das halt mit mir. Ich habe ein Foto und eine Idee, wie H. damals unter der grünen Oase sass, die ihn gegen die gleissende Sonne schützte, während er an einem Getränk nippte und ich ein Foto schoss.