Durchgang

Foto: Katrin Keller

Wir alle wussten von Kindesbeinen an, dass wir den „Durchgang“ zu machen hatten, obschon wir bis heute nicht angeben können, woher diese Vorstellung genau gekommen war oder wer sie uns eingetrichtert hatte. Ich kann nur Abgrenzungen benennen: Es waren nicht die engsten Familienangehörigen, also nicht unsere Eltern oder grösseren Geschwister; es waren natürlich auch nicht unsere gleichaltrigen Freunde oder Kameradinnen, denn sie alle waren „wir“, also diejenigen, die den „Durchgang“ noch vor sich hatten. Es waren aber auch keine sonstigen Menschen, an die ich mich jetzt zu erinnern vermöchte, wie sie mir etwas über den „Durchgang“ beigebracht hätten. Für uns war als Kinder lediglich klar, dass alle diejenigen, die älter waren als wir, den „Durchgang“ bereits hinter sich gebracht hatten. Aber es war offensichtlich, dass gerade die engsten Vertrauten nicht darüber redeten, als wollten sie sich nicht in etwas einmischen, das sie gar nichts mehr anging. Und eigentlich war uns das auch egal, so dass wir sie nicht danach gefragt haben, was erstaunlich ist, da man doch normalerweise als Kind alles mögliche nachfragt. Jetzt ist für mich nur eines völlig klar: All diese psychologischen Überlegungen zur Vergangenheit spielen keine Rolle. Halte ich mir unsere Mission vor Augen, die sicherlich waghalsig ist, vertreibe ich mir wohl lediglich die Zeit vor dem Losschlagen, indem ich darüber nachdenke. Oder vielleicht erkläre ich unser Handeln für eine sogenannte Nachwelt, möge unser Unterfangen ausgehen, wie es will.

Fest steht jedenfalls, dass wir alle bereits als Kinder von diesem Ritual namens „Durchgang“ wussten. Es war eine Selbstverständlichkeit, die uns weder nervös machte noch besonders interessierte, schliesslich redete niemand darüber. Wenn es nicht um die richtige Strategie oder die Wahl der Instrumente gegangen ist, haben wir in unserer kleinen Gruppe ein paar wenige Gelegenheiten genutzt, trotzdem darüber zu reden. Lena hat meistens die Diskussion geführt und uns im Zaun gehalten. Wir erinnerten uns in erster Linie an die etlichen Begleiter, die uns früh zu sich riefen und unsere Fähigkeiten förderten. Wir waren ungefähr drei Jahre alt, als sie in ihrer stets wechselnden Gestalt – mal als Mann, mal als Frau, als Kind oder als Fabelwesen etc. – zum ersten Mal in unser Leben traten. Sie tauchten auf unseren Alltagswegen auf oder neben der stets grünen Fläche der Spielhalle, überraschten uns beim Einschlafen oder begleiteten uns selbstverständlich auf Ausflüge, die wir mit unseren Familien oder mit unseren Freunden machten. Stets freundlich, beschützend und zuvorkommend, waren diese Begleiterinnen in unser Leben getreten und wurden zu den wichtigsten Bezugsgestalten. Sie gaben uns das Gefühl, sicher zu sein und lenkten uns, ohne dass wir den Eindruck hatten, von ihnen kontrolliert zu werden. Jetzt, da sich unsere kleine Gruppe daranmacht, etwas mit ihnen Verbundenes zu zerstören, werde ich für einen Moment schwach. Ich denke mit einem wohligen Gefühl an sie zurück und habe den Eindruck, sie seien nicht die schlechtesten Erfindungen der Menschen. Aber wir sind auch diejenigen, die den „Durchgang“ nicht zu Ende gebracht haben. Halte ich mir die klebrige und gierig tropfende Flüssigkeit vor Augen, die ich und die anderen in einem kurzen Moment der Erkenntnis von der rostigen Wand abperlen sahen, als ob sie uns packen und für ewig binden wollte, dann vermag ich die nostalgischen Gedanken an die Begleiter zu verscheuchen.

Lena und ich sind überzeugt davon, dass es die Begleiterinnen waren, die uns den „Durchgang“ auf irgendeine Weise nähergebracht und uns auf dieses Ritual vorbereitet haben, obwohl wir uns nicht daran erinnern, jemals aus dem Mund dieser Wechselgestalten das Wort „Durchgang“ gehört zu haben. Wir wissen, dass sie uns anleiteten, indem sie uns vor Schaden bewahrten, dass sie uns stets diejenigen Informationen und Modelle zur Verfügung stellten, die für die herrschende Situation – sei es das Waschen am Morgen, das Spiel mit Freunden oder die biologischen Regungen in uns – passten und uns von Nutzen waren. So schauten sie darauf, dass wir uns entwickelten. Auch wenn Lena und ich nicht behaupten können, einen Begleiter vom „Durchgang“ sprechen gehört oder einen Hinweis auf sein baldiges Nahen gemacht zu haben, so liegt es für uns angesichts ihrer Tätigkeit auf der Hand, welche Rolle sie dabei spielten. Unsere Unfähigkeit zur Erinnerung hängt wohl damit zusammen, dass der „Durchgang“ nicht geklappt hat. Die anderen in unserer Gruppe hegen davon abweichende Thesen, vor allem Pascal. Er ist überzeugt, dass die Begleiterinnen uns manipulierten, weil Personen, die das System lenken, sie zu diesem Zweck erfunden hatten. Er hat keinen Namen für diese Menschen, vermag sie nicht mit Worten wie Mächtige, Älteste, Beherrscherinnen oder dergleichen festzuhalten. Trotzdem glaubt Pascal felsenfest, dass die Begleiter und der „Durchgang“ von wenigen Menschen erfunden wurden, um uns alle gleichzumachen. Für ihn ist darum die zähe und klebrige Flüssigkeit, die wir alle gesehen haben, kein Fehler im Ritual. Vielmehr sympathisiert er offen mit dem deformierenden Tropfen und hält sich selbst für dieses Element, das die Kraft symbolisiert, den „Durchgang“ zu zerstören.

Wir verstrickten uns nur selten in diese Diskussionen. Geschah es dennoch, so haben wir zu streiten begonnen, wer uns zum „Durchgang“ gebracht, welche Bedeutung der zähe Tropfen hatte etc. Wir vermeiden es, das Thema zwischen uns aufkommen zu lassen, weil die wenigen Auseinandersetzungen darüber in erster Linie unsere Schwächen zutage förderten: Pascal begann zu wüten und unflätig zu werden. Lena und ich hielten zusammen und vertraten unsere These, ich weitaus vehementer als sie. Der skeptische Daniel stotterte nur noch, als ob er sich bei jedem Wort seiner Unsicherheit bewusst war. Fabienne zeigte deutliche Zeichen, dass ihre Nerven die Streitereien nicht aushielten. Die anderen waren ruhig, zogen sich zurück und ich war mir nicht sicher, was ihr Tuscheln bedeuten sollte. Angesichts unseres Ziels liessen wir diese Suche nach der richtigen Erklärung bleiben und hielten uns an die Tatsachen: Wir alle sahen während unseres „Durchgangs“ eine zähfliessende, seltsam tropfende und riechende Flüssigkeit, die sich von der Wand abperlte und diese deformierte. Unser „Durchgang“ war missglückt und darum bilden wir diese Gruppe mit einem einzigen zerstörerischen Ziel. Es ist müssig, über die unterschiedlichen Auffassungen zu debattieren und in Streit zu geraten. Wir schauen nach vorne und das genügt, zumal es nur noch wenige Augenblicke dauert, bis wir zur Tat schreiten.

Einig sind wir uns alle darin, dass sich unsere Begleiterinnen am Anfang nach ihrem ersten Erscheinen oft wandelten. Ihre Gestalt passte sich den Situationen an, in denen wir uns befanden. Im Verlauf unserer Kindheit nahm aber diese Veränderbarkeit ab und nachdem wir ungefähr elf oder zwölf geworden waren, verfestigten sie sich und begannen, uns zielgerecht in einer einzigen Gestalt anzuleiten. Sobald wir dieses Stadium erreicht hatten, war uns – auf welchen Wegen auch immer – klar, dass wir den „Durchgang“ bald machen mussten. Wir alle, ob Pascal oder Lena, Fabienne oder jemand der anderen, teilen auch dasselbe Gefühl: Wir hatten keine Angst und waren lediglich ein wenig gespannt, nicht einmal wirklich nervös. Warum auch? Wir wussten, dass restlos alle Älteren um uns herum den „Durchgang“ gemacht hatten, unsere Eltern, unsere Verwandten und Bekannten. Sobald sich die Gestalt der Begleiterinnen verfestigt hatte, wurden wir sogar stolz in der Erwartung des Ereignisses, das täglich eintreten konnte. Fast schon arrogant beobachteten wir die Kleineren, deren Begleiter immer noch stetigem und teils abruptem Wandel unterworfen waren. Die festen Gestalten, die uns nun begleiteten, zeugten von unserer Reife und der Gewissheit, bald als vollwertiges Mitglieder der Gesellschaft anerkannt zu sein. Denn auch darin sind wir uns einig: Wir wussten, dass dieses Ritual zum Erwachsenwerden dazugehörte. Denke ich jetzt darüber nach, finde ich es immer noch sehr seltsam, dass wir vor diesem Ritual keine Angst und keine Ehr-Furcht gehabt haben. Aber ich projiziere wohl nur Jetziges ins Vergangene und weiss, dass Pascal aus Prinzip widersprechen würde. Es ist auch nicht entscheidend; das alles ist Spekulation und Ablenkung. Hätte jemand von uns tatsächlich einen Zweifel gehegt, wäre die Begleiterin dermassen geschickt in ihrer festen Gestalt vorgegangen, dass der Keim niemals hätte Wurzeln schlagen können. In Lenas und meiner Auffassung vermochten uns diese begleitenden Gestalten auf ganz unterschiedliche Art und Weise auf den „Durchgang“ vorzubereiten. Pascal meint zwar, dass er vor dem Ritual überhaupt keine Ahnung gehabt habe, was auf ihn zukommen würde. Aber Lena teilt meine Erinnerung, dass wir durchaus vage Erwartungen hatten. Mir kommt es so vor, als besässe ich aus der Zeit vor dem „Durchgang“ ein Bild: eine feste Röhre, deren Ummantelung sich weich und geschmeidig jedem Tritt, jeder Berührung anfügt, dazu hell leuchtende pastellige Farben, harmonisch angeordnet zum Symbol eines Auges, das mich sehend machen würde. Mag sein, dass ich Dinge durcheinanderbringe. Und doch glaube ich, dass mein Begleiter, der sich die endgültige Gestalt eines Seepferdchens gegeben hatte, mir auf seine schwebende Art diesen Eindruck vermittelte. Jedenfalls wartete ich gespannt auf den Tag, da der „Durchgang“ passieren würde.

Während einer unserer wenigen Auseinandersetzungen wurde über den Zeitpunkt des „Durchgangs“ gestritten. Pascal hat diese Debatte vom Zaun gebrochen, als er behauptete, am frühesten von uns allen dieses erhabene Höllenspektakel, wie er es nannte, durchlebt zu haben. Fabienne und Daniel widersprachen heftig, nicht weil sie sich als früher Initiierte anpreisen wollten, sondern weil sie Pascals Gedanken, dass der Zeitpunkt relevant sei, heftig ablehnten. Dieses Streitgespräch erzeugte einen grossen Aufruf in der Gruppe, so dass wir alle unruhig wurden, als ob unser Ziel der Zerstörung von einem „Durchgang“ fragwürdig geworden wäre. Natürlich war es Lena, die das Dämonische unserer Lage erkannte: Da wir in unserer Diskussion über den Zeitpunkt des Durchgangs und die Rolle der Begleiterinnen keine gemeinsame Vergangenheit konstruieren konnten, wurden unser zuvor gefasster Plan und unsere Strategie brüchig. In jedem von uns stiegen Zweifel an unserem Vorhaben empor und drohten, unsere Gruppe, deren Aussicht auf Erfolg sowieso verschwindend klein ist, zu sprengen. Aber Lena bewahrte wie immer einen kühlen Kopf und brachte uns alle wieder auf den rechten Weg. Unbeeindruckt von den vagen Erfahrungen, von der Spekulation über Früher oder Später des „Durchgangs“ rief sie in unser Bewusstsein den zähen Tropfen ekliger Flüssigkeit, den wir restlos alle gesehen hatten. Sie zeigte uns, dass wir – ob gewollt oder nicht – das Gleiche beobachtet hatten und schwor uns so auf einen kleinen, trotzdem relevanten gemeinsamen Nenner ein. Auch wenn Fabienne ihre Zweifel an unserer Gruppe und vor allem an Pascal nicht sofort überwand, so waren wir anderen – einschliesslich Pascal – von Lenas besonnenen Worten überzeugt. Wir einigten uns damals darauf, nicht mehr über die Vergangenheit zu reden, um unser Vorhaben nicht zu gefährden. Ich hoffe, Lena nicht untreu zu werden, wenn ich mir jetzt, kurz bevor wir nach so langer Zeit der Planung zur Tat schreiten wollen, meine Vergangenheit trotzdem vor Augen halte.

Es bereitet mir immer noch sehr viel Mühe, mich an diese zäh tropfende Flüssigkeit zu erinnern. Zwischen der Verfestigung meiner Begleiterin als Seepferdchen und dem „Durchgang“ mögen Wochen oder Monate vergangen sein. Ich weiss es nicht. Die Zeit ist mir unbeschwert in Erinnerung geblieben: Ich hatte viel Distanz zu all jenen – Eltern, Verwandten, Bekannten –, die den „Durchgang“ bereits absolviert hatten. Sie waren mir in ihrer alltäglichen Art der Verrichtung irgendwelcher Aufgaben egal. Ich traf mich ungezwungen mit Gleichaltrigen und wir fühlten uns mit den festen Begleitergestalten wohl. Es war eine Zeit in meinem Leben, da ich mich frei fühlte. Schliesslich war es eines Tages soweit: Mein Seepferdchen führte mich subtil hin zum „Durchgang“. Ich halte mich nicht länger auf bei Einzelheiten, denn sie sind mir nicht in Erinnerung geblieben. Der „Durchgang“ war einfach plötzlich da: eine Röhre, die mir vertraut vorkam und deren Farben mir ein wohliges Gefühl von Harmonie verursachten. Ohne zu zögern schritt ich hinein, schaute mich um und bewunderte die beruhigende Wirkung des Gefüges. Meine Schritte fühlten sich federleicht an, als ob ich schwebte; ich vermeinte, beinahe zu fliegen. Mein Blick fiel auf das Ende dieser Röhre: dunkel, fast etwas rostig sogar, aber doch mit einem Braunton versehen, der mich ermunterte, darauf zuzugehen. Ich dachte an Schwerkraft, an Erdung und spürte die unaufgeregte Hoffnung, am Ende des „Durchgangs“ meinen Platz und meine Bestimmung zu finden. In diesem Moment verfestigte sich meine Ahnung, worum es ging: den „Durchgang“ zu absolvieren, um danach mein Leben in dieser Gesellschaft nützlich zu verbringen. Diese Erkenntnis tat mir gut; sie war konsequent und darum richtig. Ich schritt mit lustvollen Tritten auf das bräunliche Ende zu, als mein Blick noch einmal die pastellenen Farben der Röhre um mich herum wahrnahm, als könnte ich sie nur noch einmal bewundern. Da sah ich es: Die Wand der Röhre verlor ihre feste Form, sie geriet ins Wanken und ich fühlte, wie meine Füsse nicht mehr schwebten, sondern vom Boden festgehalten wurden. Von links begann es: Die Röhre deformierte sich und ein seltsamer Sprengsel drängte in meine Wahrnehmung. Es kam auf mich zu und ich sah, wie es sich zu einem zähen Tropfen verwandelte, der sich mir langsam, aber sicher näherte. In meine Nase stieg ein modriger Geruch. Ich bekam Panik, stellte ich mir doch vor, wie diese unfassbare Flüssigkeit meinen Kopf erreichen und ihn langsam und schleimig umfangen würde, bis ich an ihr erstickte. Ich wollte zurückschauen, wollte mein Seepferdchen sehen, das mich beschützen sollte. Doch mein Körper fühlte sich genauso zäh an wie der Tropfen, der bereits bedrohlich nahe an mein Gesicht heranreichte. Mein Atem stockte und ich wusste, dass ich mich vor dieser Flüssigkeit retten musste, um nicht darin unterzugehen. Mit aller Kraft zwang ich meine Füsse, sich vom Boden zu lösen, der sich wie Leim anfühlte. Ich streckte meine Hände nach den Brauntönen am Ende der Röhre aus, die jetzt nur noch rostig und metallen aussahen, als befände ich mich in einer urzeitlichen Maschine. Schliesslich gelang es mir mit den Händen dieses Ende der Röhre zu berühren. Es fühlte sich kalt und rau an und gab doch meiner Handfläche Halt: Kaum erfasste ich es, hatte ich den „Durchgang“ hinter mir. Wie nach einem bösen Traum schreckte ich auf und befand mich in meinem Zimmer, wo ich zuhause war. Ich atmete schwer, beruhigte mich aber trotzdem ziemlich schnell. Ich hatte es geschafft und in meinem Kopf gab es ein paar klare Gedanken, was von nun an meine Tätigkeit in dieser Welt sein würde. Das machte mich unendlich müde und ich schlief unverzüglich ein. Als ich später erwachte, war die Welt in Ordnung, denn ich wusste, welcher Aufgabe ich nun nachzugehen hatte. Diese Vorstellung hatte etwas Harmonisches wie die pastellenen Farbtöne, die nun meine Gedanken erfüllten. Ich machte mich darum zunächst unbekümmert auf den Weg, meine Tätigkeit zu verrichten. Doch bereits während dieser ersten Phase nach dem „Durchgang“, störte mich die Erinnerung an den ekligen, übelriechenden Flüssigkeitstropfen, der mich zuvor im „Durchgang“ bedroht hatte.

Einigkeit herrscht in unserer Gruppe darüber, was nach dem „Durchgang“ geschah. Wir gingen zwar alle einer neuen Tätigkeit nach, die uns durchaus zufriedenstellte, aber die Erinnerung an den beängstigenden Flüssigkeitstropfen, der aus der Wand herausgequollen war und diese deformiert hatte, liess uns nicht los. Sie verfolgte uns in unserem Schlaf. Keiner sah jemals noch einen Begleiter, dafür aber hatten wir mit anderen Gestalten, diskreten Unterstützerinnen, zu tun. Wir verbrachten durchaus genügsame Stunden in der Gesellschaft derjenigen, die schon lange vor uns den „Durchgang“ absolviert hatten. Wir wussten, dass eigentlich alles in bester Ordnung war, ja dass wir sogar nach unseren Neigungen und Veranlagungen eine Stellung in der Gesellschaft erreicht hatten. Aber alle von uns wachten ab und zu des Nachts mit Schweiss in unserem Angesicht auf, weil uns das Bild der zähen und tropfenden Flüssigkeit im „Durchgang“ heimgesucht hatte. Wir wussten, dass etwas mit uns nicht stimmte.

Es fällt mir schwer, dieses Gefühl der Unstimmigkeit zu fassen. Der Unterstützer machte mir mein Leben und meine Tätigkeit leicht. Oberflächlich war ich stets zufrieden und fühlte mich als akzeptiertes Mitglied meiner Welt. In diesem Sinn wusste ich, welchen Zweck der „Durchgang“ gehabt hatte. Doch der Schrecken über die räumliche Deformation desselben zu einem zähflüssigen Tropfen verfolgte mich. Die perfekte Organisation, mit der mein Leben nun unterstützt wurde, liess mir zwar fast keine Gelegenheit, darüber nachzudenken. Mir war trotzdem zu jedem Zeitpunkt meines neuen Lebens bewusst, was sich zuvor ereignet hatte. Nach ein paar Wochen vermochte ich meinen Schrecken besser zu erfassen. Doch indem ich die Menschen um mich herum beobachtete, fühlte ich mich einsam damit, als ob ich der einzige gewesen wäre, der den Tropfen gesehen hätte. Zwar argwöhnte ich zuweilen während eines Gesprächs mit meinen Eltern, meinen Bekannten oder Tätigkeitskolleginnen, ob sie nicht dieselbe Erfahrung in sich trugen und sie lediglich verdrängt hatten. Aber jedes Mal, wenn ich meine Scham, als ob ich einen Fehler gemacht hätte, unterdrückte und jemanden darauf hätte ansprechen wollen, war mein Unterstützer in der Nähe und zerstreute meine Intention. Lena und ich widersprechen aber Pascals These, dass wir es mit einem manipulierenden System einiger Machthaber zu tun haben, das nach den Begleitern die Unterstützerinnen zur Kontrolle gebraucht. Wir glauben daran, dass es schlicht einen Fehler im „Durchgang“ gibt, an dem niemand Schuld trägt, den es nun aber zu korrigieren gilt. Doch auch diese Auseinandersetzung ist nicht weiter von Belang… so wie vieles: all die nüchternen Begegnungen, die Gestalt der Unterstützerinnen, die alltägliche Tätigkeit. Die Zeit wird knapp: In gut einer halben Stunde setzen wir unseren Plan um. Das allein zählt. Ich glaube jetzt an eine kleine Chance, dem Auftauchen eines „Durchgangs“ habhaft zu werden und ihn zu zerstören mit all den möglichen Konsequenzen für Begleiterinnen und Unterstützer... und unsere Zukunft!

Lena hat alles unter Kontrolle. Seit der ersten Zeit unserer Begegnungen hat sie uns geführt; sie erst hat uns alle zusammengebracht. Ich bin ihr etwa zwei Jahre nach meinem „Durchgang“ über den Weg gelaufen, als ich Kummer ob all dem Schweigen über meine nächtlichen Träume verspürte und noch mehr verwirrt war, weil die Welt um mich herum so harmonisch geordnet war. Sie lief an mir vorbei und sprach mich an: Ich erinnere mich nicht mehr an den Wortlaut, aber ich weiss, dass sie auf ihre direkte Art den Tropfen im „Durchgang“ erwähnt hat. Bis heute spüre ich bei ihrem Anblick eine tiefe Verwunderung darüber, dass dieses erste Gespräch alles andere als konspirativ war. Ich sah nämlich bereits meine Unterstützerin auf mich zukommen, doch Lena ignorierte sie schlichtweg und so verschwand die Gestalt auf die belanglose Art und Weise, wie sie stets kam und ging. Lena sagte mir sinngemäss, dass mein Blick, mein Gesicht, ja meine ganze Körperhaltung verrieten, welcher Fehler sich in meinem „Durchgang“ ereignet haben musste. Sie lud mich zu einem ungezwungenen Treffen mit anderen ein und lief davon. Ich war dermassen erleichtert darüber, meine Erfahrung nicht weiterhin als einzigartig begreifen zu müssen, dass ich dieses Treffen kaum abwarten konnte. Dort erfuhr ich, wie Lena schon seit mehr als einem Jahr Menschen wie mich gefunden hatte. Mit Fabienne und Daniel hatte es begonnen, es kamen andere dazu, Pascal sollte erst noch folgen. Auch diese Treffen fanden stets offen statt, inmitten der alltäglichen Tätigkeit. Wir ignorierten einfach die Menschen und die unterstützenden Gestalten. Darum glaube ich an Lenas Erklärung des Fehlers, denn wäre das System der mächtigen Personen so manipulativ, wie Pascal das sieht, hätten wir uns bisher kaum so treffen und unseren Plan aushecken können. Jedenfalls führte Lena unsere Gespräche von Anfang an in die richtige Richtung: Wir müssen den Fehler beheben, egal welche Ursache er hat, indem wir einen „Durchgang“ zerstören. Damit wird eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die auch die Begleiterinnen und Unterstützer verändern wird. Ich glaube Lena. Denn bei all unseren Treffen spielte sie sich nie auf, sondern vermochte stets das Passende einzubringen, so dass wir uns nicht mit unnötigen Spekulationen über das Davor, über den Zeitpunkt, über Begleiter und Unterstützerinnen aufhielten. Erst mit Pascal wurden einige Treffen unserer Gruppe schwieriger, hitziger im Gespräch, weil er andere Erklärungen einbrachte. Doch zusammen mit Lena vermochten wir, auch diese Ablenkung auszuschalten. Sicher, falls Pascal mit seiner These des manipulativen Systems mächtiger Menschen recht hat, blüht uns wohl in wenigen Minuten ein neuer Schrecken. Aber für solche Überlegungen ist es jetzt zu spät.

Ich sehe, dass sich die Gruppe bereit macht. Fabienne und Daniel haben den Kleinen mitgebracht, den wir seit Monaten so beeinflussen, dass ein „Durchgang“ in wenigen Minuten erfolgen sollte. Er wirkt leicht verstört. Aber das ist egal. Wir sind entschlossen zur Tat, jeder und jede von uns hat ein Instrument der Zerstörung zur Hand. Ich glaube, dass es funktionieren wird. Ja, wir werden etwas verändern.